Am Wochenende bin Ich beim Zappen bei einer Sendung im WDR hängengeblieben. Meine Aufmerksamkeit erregte ein nachlässig gekleideter mittelalter Herr, der durch sein permanentes Grinsen und seine mühsam von Sprechkarten abgelesene Moderation auffiel. Die Kulisse erinnerte Mich an eine Schule, so dass sich der Gedanke aufdrängte, es könne sich um eine Oberstudienratssatire handeln – nach ein paar Minuten merkte Ich: Der meint es ernst.
Der Herr entpuppte sich als der selbsternannte Sprachinquisitor und Spiegelautor Bastian Sick, der ansonsten vor allem durch seine Initiativen zu Rettung des Genitivs auffiel (Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod Vol. I-XIII) und dafür sorgte, dass einem mittlerweile jeder Depp den Unterschied zwischen demselben und demgleichen erklären will, nun ja. Seine Fernsehsendung geht indes entschieden zu weit: Er zeigt dort u.a. aufgefundene Fehler auf Werbetafeln, die ihm vermutlich seine Rechtschreibpolizisten zusenden, ähnlich wie die Bild-Leserreporter. An diesen weidet er sich genüßlich, zerrt die Fehler von Menschen, die Deutsch als Fünftsprache radebrechen, ins Licht der Öffentlichkeit und korrigiert triumphierend jeden noch so kleinen sprachlichen Lapsus.
Sprach- und Stilkritik ist nun nicht gerade neu, andere Autoren bewahren aber wenigsten ein bißchen Stil: Ludwig Reiner, Autor der Stilkunst, konstruiert die Beispiele für schlechten Stil selbst und weist draufhin, dass Rechtschreibfehler gegenüber Stilschnitzern zu vernachlässigen seien; Wolfgang Schneider, ehemaliger Chef der Henri-Nannen-Schule, nimmt seine schlechten Beispiele aus der Presse, von Berufsschreibern, die ihr Metier eigentlich beherschen sollten – Sick hingegen zitiert den gemeinen Mann von der Straße vor’s Rechtschreibgericht, er zeigt, wie schlecht der Nachbar schreibt. Das ist Big Brother für Viertelintellektuelle, Rechtschreibdschungelcamp zur Ergötzung von Volkschullehrern mit rotem Schal und Cordsacko: voyeristisch und vulgär, stillos und besserwisserisch. Lieber WDR, versuchen Sie bitte nicht ihre private Konkurrenz durch Übertragung von schlechten Konzepten auf vermeintliche Bildungsinhalte zu kopieren. Oder wie wäre es mit der Idee, dass alle Autoren demnächst bei Elke Heidenreich und Marcel Reich-Ranicki vorschreiben müssen: Deutschland sucht den Superschreiber oder so.


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“Ich” schreibt man im laufenden Satz klein.
Kommt auf die Größe des Egos an ;-)