Beim streunen durch die Blogosphäre stieß ich bei Zeitenwende (Willkommen zurück!) auf den Begriff Debitismus. Den kannte ich nicht und habe gleich versucht zu verstehen was das ist.
Erster Anlaufpunkt ist Wikipedia:
Der Debitismus betrachtet die Volkswirtschaft nicht als Summe von Tauschgeschäften, wie es in der neoklassischen Theorie formuliert wird, sondern als Summe von Schuldverhältnissen.
Verstehe ich nicht. Zum einen klingt das ja eher nach einer buchhalterischen Unterscheidung, zum anderen gibt es in der Realität ja auch nicht monetäres Eigentum, so dass die Theorie etwas zu kurz gegriffen erscheint.
Zur Bezahlung dieser (vom Machthaber festgesetzten) Steuern und Abgaben müssen auch die Bürger private Schulden aufnehmen.
Wieso denn das? Man kann auch Abgaben zahlen ohne Schulden zu haben. Diese Behauptung scheint mir auch nicht im Aggregat zu stimmen, für alle Bürgern einzeln sowieso nicht.
Naja, Wikipedia hat ja nicht immer die beste Qualität. Schauen wir uns mal folgende Auszüge aus dem Buch “Der Kapitalismus-Ein System, das funktioniert” des Debitismuserfinders Paul C. Martin an. Darin kommt Martin zu der überraschenden Erkenntnis
Dem Kapitalismus fehlt immer Geld.
Na klar tut es das. Wäre Geld kein knappes Gut, so wäre es ja wertlos.
Das tun sie, indem sie selber Schulden machen, die immer so hoch sein müssen, daß die Zinsverpflichtungen aus den früheren Schulden bedient werden können. Der Kapitalismus ist also nichts anderes als ein Kettenbrief-System. Beim Kettenbrief darf die Kette nie reißen. Sonst ist es aus. Beim Kapitalismus ist es genauso. Fehlen die späteren Schuldner, die den früheren helfen, kommt es zur Krise. Wir werden darüber noch viel hören.
Im Kapitalismus müssen immer neue Schulden gemacht werden, um die alten Schulden bedienbar zu halten.
Die Argumentation Martins ist: Im Aggregat können “die Kapitalisten” [(c) by Marx] nicht mehr Geld aus dem System entnehmen, als vorhanden ist. Daher können sie nur dadurch ihr Geld vermehren, in dem sich jemand verschuldet. Nicht-monetäre Gewinne (Haus, Partner, Auto) kommen Martin augenscheinlich nicht in den Sinn.
Martin versteift sich so dann in die Aussage, dass der Kapitalismus nur durch ständig steigende Schulden leben kann. Er wiederholt sie sehr oft, aber das macht sie nicht überzeugender.
Völlig absurd wird es aber bei der Aussage:
Natürlich gibt es Unternehmer, die »Kapital« bilanzieren, ohne Schulden zu haben. Sie können ihr Kapital aber nur bilanzieren (bewerten), weil andere Kapitalisten Schulden haben. Denn hätte niemand Schulden, gäbe es auch kein Geld und ergo auch keine Möglichkeit, Preise zu haben.
Wer sagt denn, dass man Preise nur in Euro/Dollar/Yen angeben kann? Man kann jedes x-beliebige Gut zum bewerten heranziehen. Gold zum Beispiel oder auch einen Laib Brot.
Ein Bauer hat ein Feld zum Eigentum. Entweder er bearbeitet sein Feld oder er bearbeitet es nicht. Bearbeitet er sein Feld nicht, kann der »Wert« des Feldes nur dem entsprechen, was ein »vergleichbares« Feld »wert« ist. Dazu muß aber dieses Feld bearbeitet werden. Einen »Wert« (Preis) für ein Feld kann es nur geben, wenn wenigstens ein anderes Feld bearbeitet wird. Wird gar kein Feld bearbeitet, kann kein Feld einen Wert haben. Wenn es keinen Wert für Felder gibt, hat es auch keinen Sinn, solche Felder zum Eigentum zu haben.
Quatsch. Nehmen wir zum Beispiel die Guernica von Picasso. Diese Bild es einzigartig. Es gibt kein “vergleichbares” Bild. Trotzdem gibt es sicher viele Leute, die es gerne haben möchten und mithin es für sinnvoll erachten das Bild als Eigentum zu haben.
Ich erspare dem werten Leser weiteren Ausschnitte und verbleibe mit dem Fazit: Entweder ist Martin ein ganz schlechter Didakt oder ich bin total dumm oder die Theorie ist hanebüchener Unsinn. Ich tendiere zu Letzerem.
Update:
Nur zur Klarstellung: Ich bestehe nicht auf der Definition des Geldes als Tauschmittel. Letztendlich ist Geld nicht mehr als das Versprechen, dass ich mir damit etwas kaufen kann, was ich dann auch wirklich habe will. Geld will ich ja eigentlich nicht. Insofern hat Geld Schuldscheincharackter, wenn auch kein Schuldner benannt ist.
Ich bin nur gegen die aus der Schuldscheinhypothese erlangten Schlussfolgerungen, dass dies immer notwendigerweise zu einer Kreditpyramide führen muss und dass Geld den einzigen Wert darstellt. Es gibt auch reale Werte.
Desweiteren bin ich der Auffassung, dass es keine Theorie im wissenschaftlichen Sinne darstellt, da sie keine falsifizierbaren Aussagen trifft. Die Aussage “Es führt zwangsläufig zu einer Kreditblase” ist nicht falsifizierbar, da man im Zweifel ja nur lange genug warten muss – das Experiment für das Gegenbeispiel dauerte unendlich lang.
Update 2:
Ich habe inzwischen aus den Kommentaren (hier und hier) gelernt, dass sich Martin wohl nur auch Fiatgeldsysteme bezieht. Da macht die Analyse deutlich mehr Sinn. Daher sei hier noch auf meinen aktuelle Meinung zu dem Thema verwiesen.


bis Ende 2012
bis Ende 2013
bis Ende 2014




Du solltest dem Debitismus offener gegenueberstehen.
Dein groesster Fehler zum Schluss:
“Wer sagt denn, dass man Preise nur in Euro/Dollar/Yen angeben kann? Man kann jedes x-beliebige Gut zum bewerten heranziehen. Gold zum Beispiel oder auch einen Laib Brot.”
Natuerlich koennte man das. Macht man aber nicht, schon lange nicht mehr (FIAT Geld). Teile uebrigens mal die weltweite M3 Geldmenge durch die weltweite Gold und schaue, mit was Gold bewertet werden muesste umd diese widerzuspiegeln.
Dann schau Dir an, wie Geld heute hergestellt wird. Es wird durch die Zentralbank aus dem Nichts kreiert und an die Banken ausgegeben, dem steht aber wiederum eine Forderung gegenueber. Geht buchalterisch ja gar nicht anders.
Wenn Du jetzt 1000 Euro im System hast, daraus machen die Banken via fractional Banking 10.000 Euro und verleihen diese. Dafuer verlangen sie Zinsen. Woher kommen die Zinsen? Die Geldmenge MUSS steigen.
Zu was es fuehrt, wenn diese System abreisst, siehst Du derzeit.
Da kann Ihnen nur empfohlen werden sich beim folgenden Board sich der diskussion zu stellen.
http://www.dasgelbeforum.de.org/forum.php?order=last_answer&category=0
Herzlichst ein auf “Schulden abhängiger”
@Colo: Danke für den Link. Ich schau bei Zeiten mal rein.
Jemand, der ständig in der Begrifsswelt des Debitismus argumentiert, und inzwischen anscheinend eine ganze Reihe Anhänger gefunden hat, ist Thomas Strobl (aka Weissgarnix-Blog, gleichzeitig auch Kolumnist bei FAZ-Net).
Ich habe vor einigen Wochen mal versucht, mit ihm darüber zu diskutieren. Er weigert sich z.B., irgendeinen Unterschied zwischen FK (=Schulden) und EK (=Beteiligung) zu sehen. Für ihn sind alles per Definition “Schulden” eines “Sektors” bei einem anderen “Sektor”, egal wie man es konkret nennt.
Und wenn er keine Antwort weiß, argumentiert er, daß wir sowieso alle zu dumm sind, um die komplexen Sachverhalte zu verstehen, und man solle doch bitte bei Marx und Paul C. Martin nachschlagen, die wüßten es besser. Hat mich intellektuell nicht wirklich befriedigt…
@mh:
Danke für Deine Erläuterung!
Ich finde, dass Du die schwächen des Fiatgeldsystems richtig darstellst. Es ist in der Tat so, dass nur dann gewährleistet ist, dass alle bei ihren Kapitalanlagen immer Gewinne einfahren, wenn die Geldmenge und damit die Verschuldung konstant steigt.
Es ist aber keine Prägung des Kapitalismus, dass immer alle Kapitalanleger Gewinne einfahren müssen. Das ist eher ein Auswuchs der Perversion des Kapitalismus, den wir in den letzten Jahrzehnten erleben durften, in denen die Zentralbanken und Regierungen versuchten jede Rezession zu verhindern. Dann (und nur dann) entstehen Kreditblasen, wie Du sie treffend beschreibst und wie wir sie gerade platzen sehen.
Es ist keine Eigenart des Kapitalismus, sondern eher unserer Regierung. Im Goldstandard gäbe es das Problem nicht, trotzdem lässt der Goldstandard ja auch Kapitalismus zu.
Hallo Ketzer,
Danke fuer Deine Antwort. Nur zur Anmerkung: Ich habe das FIAT Geldsystem nicht verteidigt, ich habe nur den Bezug zum Debitismus hergestellt. In einem FIAT Geldsystem MUSS die Geldmenge IMHO immer wachsen, ich glaube dies belegen auch die historischen Daten.
Wer im Jahr 2008 vom Goldstandard spricht, spricht Schwachsinn. EInfache Rechenaufgabe: Weltweite M3 Geldmenge (nimm halt die US M3 Geldmenge mal vier oder so) durch vorhandenes Gold (150.000 tonnen) teilen. Dann weisst Du, wie ein Gram Gold bewertet werden muss um wieder den GOldstandard einzufuehren. Dann kostet ein Mercedes halt ein Gram! Genauso koennte ich die Einfuehrung des Scheinehaelftenstandards fordern. Geld muss durch Schweinehaelften gedeckt sein! Alles Kaese!
Wir bruachen zwei Dinge:
1. Der Staat darf kein Geld mehr herausgeben, Geld duerfen nur noch private Firmen herausgeben. Jeder der will, kann Geld herausgeben. (Hayek!)
2. Einen, “Verlorene GEneration”-Dollar wuerde ohne irgendeine Deckung keiner Annehmen. Spricht, wir brauchen eine equity oder commodity gedeckte Waehrung. Und das kann Kaffe, Deutsche Bank oder Dax Anteile, Immobilien, Scheinehaelften oder eben auch Gold sein. Eine Goldgedeckte Waehrung waere vermutlich die Koenigin der Waehrungen, aber eben nur eine unter vielen.
Gruss Michael
PS: Dies hier ist eines der besten Blogs die ich kenne. Viel viel viel besser als Bloedmann und Keynesanhaenger Weissgarnix. Aber der Debitismus Beitrag ist ein wenig Schwach. ;-(
Hallo Michael,
Mein Meinungsupdate siehe unten. Kurz Anmerkungen zu Deinem Post.
“Ich habe das FIAT Geldsystem nicht verteidigt”: Das kam bei mir auch so an.
“Wer im Jahr 2008 vom Goldstandard spricht, spricht Schwachsinn”: Das sehe ich weniger extrem. Den Euro zu unterlegen macht wenig Sinn, es sei denn man deflationiert vorher kräftig. Aber man könnte ja eine neue Goldwährung auflegen – parallel zur alten. Ich hatte schon mal mit dem Gedanken spielt. Schwer wäre es nicht.
“Der Staat darf kein Geld herausgeben”: Sehe ich auch so. Insbesondere darf er keine Zinsen festlegen und er darf keine Schulden machen. Das Steuersystem muss so ausgestaltet sein, dass alle Ausgaben unmittelbar durch Einnahmen gedeckt sind. Bspw. durch dynamische Steuersätze.
Gruß
Jörg
Wenn man davon ausgeht dass ein Fiat-System in Verbindung mit Fractional-Reserve-Banking (und nur für solches braucht man überhaupt ein Fiat-System) zwangsläufig die Geldmenge exponentiell ansteigen lässt folgt daraus zwingend das neues Geld immer gleich Debt ist. (Es gibt immer mehr austehende Schulden, als es Geld im System gibt, zur Deckung dieser Schulden müssen neue Schulden gemacht werden, deswegen fehlt dem Kapitalismus auch tatsächlich immer Geld)
“Martin versteift sich so dann in die Aussage, dass der Kapitalismus nur durch ständig steigende Schulden leben kann. Er wiederholt sie sehr oft, aber das macht sie nicht überzeugender.”
Nicht der Kapitalismus an sich, aber der Kapitalismus in Verbindung mit Fiat-Geld.
“Natürlich gibt es Unternehmer, die »Kapital« bilanzieren, ohne Schulden zu haben. Sie können ihr Kapital aber nur bilanzieren (bewerten), weil andere Kapitalisten Schulden haben. Denn hätte niemand Schulden, gäbe es auch kein Geld und ergo auch keine Möglichkeit, Preise zu haben.”
Hätte niemand Schulden, würde die Geldmenge nicht anwachsen, das würde einer Deckung der Währung durch z.b. Gold entsprechen. Preise würden dann tatsächlich durch Angebot und Nachfrage zustande kommen (==Wert).
Heutige Preise werden auch durch den “Wert” des Geldes mitbestimmt. Ist Geld zu billig, kommt es zu Blasen. In anderen Worten: In Fiat-Systemen ist Wert und Preis oft nicht das selbe.
Vielen Dank, mh & flo, für die Erläuterungen.
Jetzt macht die Sache etwas mehr Sinn. Dass das Gedankengebäude eine Kritik am Fiat-Geld sein soll, wurde mir beim Lesen der Buchausschnitte nicht klar. Ich habe gerade auch noch mal gesucht. Das Wort Fiat taucht darin auch gar nicht auf.
Eingeschränkt auf Fiatgeldsysteme klingt das für mich sehr österreichisch und mit damit vertrauter. Ich sehe das so wie Flo: Fiatgeldsysteme manipulieren den Wert des Geldes – absichtlich oder durch Unfähigkeit. Meistens ersteres. Dadurch ist der Preisbildungsprozess vieler Güter gestört und es kommt zu Fehlallokationen von Kapital, insbesondere intertemporalen Fehlallokationen. Die Leute fühlen sich zu reich und sparen daher zu wenig für die Zukunft. Irgendwann ist dann aber die Zukunft Gegenwart und man hat zu wenig.
Das ist die Situation, in der sich gerade große Teile der Welt befinden. USA schon jetzt offensichtlich. Deutschland brauch noch zehn Jahre, bis die Babyboomer in die Rente gehen.
Das Ganze ist eher ein politisches Problem als ein wirtschaftliches. Theoretisch würde auch Fiatgeld gut funktionieren. Nur Politiker wollen gerne ein stetiges Wirtschaftswachstum ohne Rezessionen haben – denn in Rezessionen werden sie abgewählt. Das geht aber nicht. Mit Fiatgeld können sie aber wenigstens den Schein bewahren. Das Problem ist, dass das System recht stabil ist. Immerhin haben wir seit gut sechzig Jahren gut gelebt, wenn auch auf Kosten zukünftiger Generationen. Durch Gelddrucken können die Politiker das System noch länger am Leben halten. Nicht ewig, aber noch eine Weile, weil das System nicht zwangsläufig in einen Crash läuft, sondern auch in eine Starre konvergieren kann – siehe Japan. Alles eine Frage, wie Politiker sich entscheiden. Deswegen fällt es mir derzeit unendlich schwer Anlageentscheidungen zu treffen, denn am Ende des Tages ist jede Entscheidung nur noch eine Wette auf Politikerhandlungen (Gelddrucken ja/nein). Effizienzüberlegungen sehen anders aus.
Eine Anmerkung zur Stabilität von Fiat-Systemen:
Da Fiat-Systeme immer eingeführt werden um die Geldmenge zu erhöhen (etwa um wirtschaftliche Abschwünge abzufangen oder um Kriege oder die reiche Oberschicht zu finanzieren) sind sie immer inherent instabil. Ob jetzt 60 Jahre (eher 30 beim Dollar, Nixon hat den Dollar endgültig vom Gold entkoppelt) genug für Stabilität ist, im Vergleich zu harten Währung bezweifle ich. Was man außerdem nicht vergessen darf: Ein Fiat-System ist nur solange stabil solange das tatsächliche Wirtschaftswachstum (nicht die manipulierten BIPs) im gleichen Maß wie die Geldmenge ansteigt. Das war im 20. Jahrhundert vor allem durch das extrem billige und energiereiche Öl möglich, aber irgendwann (und immer früher als später) stößt jede Volkswirtschaft bzw.die Weltwirtschaft an ihre Wachstumsgrenzen, weil die Welt eben endlich ist. Dann wird zu Tricks wie Leitzinsensenkungen gegriffen um die Illusion von Wachstum aufrechtzuerhalten, obwohl in Wirklichkeit das System (zuerst langsam) zusammenbricht. Das sehen wir heute mit dem Dollar, und der Euro (obwohl durch den Stabilitätspakt deutlich besser aufgestellt) krankt prinzipiell am selben Problem, nur sind die Symptome noch nicht so stark sichtbar.
Bis jetzt ist noch jede Fiat-Währung über kurz oder lang entweder in die Hyperinflation (meistens, weil kurzfristig immer die politisch einfachere Lösung) oder in die Deflation (hervorgerufen durch Zahlungsunfähigkeit) gemündet.
Gute Punkte.
Ich denke, wenn man analysiert, warum das aktuelle Geldsystem so lange recht akzeptabel funktioniert (hat?), dann stellt man fest, es liegt insbesondere daran, das es recht viele Währungen gibt, man recht transparent Währungen entwerten (ineinander umtauschen) kann. Insbesondere ist es eine gute Sache, das wenn Spekulanten (wie Soros) gegen Zentralbanken wetten, die Spekulanten immer gewinnen. Ob das dauerhaft als kontrollierende Randbedingung ausreicht, sei mal dahingestellt, aber es ist eine –zugegeben etwas verkrüppelte– “konkurrierende Währungen”-Hayek-Welt und das macht Zentralbankpolitik tendentiell besser als reine politische Einflußnahme der Regierungen.